Die meisten von uns stehen nicht wirklich unter direkter Beobachtung. So weit sind wir (noch) nicht – nicht einmal Google. Das mag wie ein Trost klingen, ist in Wahrheit aber nicht wirklich tröstlich. Denn schließlich stehen wir „latent“ unter Beobachtung! Was das heißt? In diesem Artikel erfahren Sie es….

Durch seinen Artikel „Der Mensch wird zum Datensatz“ in der FAZ hat mich Frank Rieger zu diesem kleinen Machwerk inspiriert. Darin reflektiert er, wie drastisch sich die Digitalisierung des Menschen auf unser Leben auswirkt – und zwar im negativen Sinne.

Wo wir auch stehen und gehen – wir werden mit Informationen überhäuft. So toll das auch ist, diese Entwicklung birgt auch Gefahren. Zwar kommen wir immer leichter an relevante Informationen, müssen aber gleichzeitig den Preis dafür bezahlen. So spricht Frank Rieger von einem „störungsfreien Leben“, das uns auf diese Weise beschert wird. Diesen Ausdruck (“störungsfreies Leben”), oder besser gesagt, was er letztlich bedeutet, finde ich schlimm. Was so herrlich klingen mag, stört schließlich den kreativen Geist, intelligentes Denken, und damit unser gesamtes Handeln. Die Entwicklung der Menschheit hängt ja gerade von Störungen (Problemen, Schwierigkeiten, Herausforderungen) ab. MICH stört diese aktuelle Tendenz gewaltig. Vor diesem Hintergrund klingt ein derart störungsfreies Leben dann doch irgendwie paradox, oder?

Zurück zur latenten Beobachtung…

Ich sagte es eingangs, wie gefährlich diese latente Beobachtung ist. Während die direkte Beobachtung gezielt bestimmte Personen, und hier nur bestimmte Aspekte fokussiert, besteht die latente Analyse darin, praktisch alles über uns zu erfahren. Sie läuft über Algorithmen ab: Dadurch, dass unvorstellbar große Datenmengen miteinander verrechnet werden, können Zusammenhänge aufgedeckt werden. Der (schlechte) Witz an der Sache: Nicht nur, dass so unzählige Fakten über Sie gesammelt werden; durch (mathematische) Assoziationen können selbst solche Zusammenhänge hergestellt werden, die nicht einmal Ihnen selbst bewusst sind (oder unter Umstände auch gar nicht stimmen). Daraus resultieren mitunter ganz „überraschende Erkenntnisse“ über jeden von uns.

„Es genügt nicht, von [Datensammlern] zu verlangen, sie sollten ethisch verantwortlich entscheiden, ja es ist ihnen gegenüber sogar eine Zumutung, ihnen eine solche Verantwortung alleine aufzuerlegen. Es ist wichtig, [sie] von außen zu kontrollieren, denn sie [können] nicht soviel, wie oft angenommen wird. (Quelle: studenthelp)

Sicher ist, dass Millionen von Menschen von den Datensammlern – allen voran Google – profitieren. Ich halte es auch gar nicht für sinnvoll, sie zu verteufeln (vgl. weblog.medienwissenschaft.de). Angst- und Panikmache ist nichts anderes als PR – und die funktioniert immer noch am besten (egal ob bei der Schweinegrippe oder bei Google). Ein konstruktiver Umgang mit diesen Herausforderungen bedeutet, sich im allgemeinen den ethischen Fragen unserer Gesellschaft zu stellen (Menschen an den Pranger zu stellen wird uns bereits im Fernsehen seit Jahren als völlig legitim verkauft!), natürlich mit besonderem Schwerpunkt auf den „Mensch als Datensatz“. Ich weiß nicht, ob eine Ethikkommission ausreicht, vielleicht brauchen wir auch so etwas wie eine Social Ethik. Die Frage ist ja auch, wer eine solche Kommission überhaupt leiten kann: Vater Staat, der längst die Tagebücher seine „Kinder“ liest? Wohl kaum… ich denke, hier geht die Diskussion erst los. Ich freue mich auf interessante Kommentare!

Der Mensch wird zum Datensatz:

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2 Kommentare

Gilly schrieb am 22. Januar 2010 @ 13:37

Es gibt zwei grundlegende Probleme:

1. Niemand liest sich Datenschutzbedingungen durch. Da steht im Grunde genommen alles drin, also kann niemand behaupten, er hätte von nichts gewusst.

2. Mangelnde Aufklärung. Ich finde, Schülern sollte erklärt werden, was passiert, wenn Sie z. B. auf SchülerVZ oder Facebook all ihre Daten und Fotos etc. preisgeben.

Cogtail schrieb am 22. Januar 2010 @ 14:07

Grundsätzlich stimme ich mit dir überein; Aufklärung (ob durch Medien, Eltern, Experten, oder durch einen selbst) ist wichtig, schützt aber nicht 100%ig. Doch wo sollen wir ansetzen, wenn nicht genau dort? Von da an sollten wir nach weiteren, nachhaltigen Lösungen suchen, dabei aber nicht in Panikmache verfallen, sondern besonnen, ja konstruktiv vorgehen.

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